Das Gemälde „Salvator mundi“ von Leonardo da Vinci zeigt Jesus Christus, den Stifter des Christentums, als Erlöser der Welt, wie auch der lateinische Titel lautet. Christus vollführt mit der Rechten die segnende Kreuzesgeste, in der Linken hält er eine gläsern-transparente Kristallkugel, die den Erdball darstellt. Das Bildnis war lange verschollen und ist erst seit etwa zehn Jahren wieder öffentlich zugänglich.
Was die Geschichte des Bildnisses jenseits der kunsthistorischen Fragen außerordentlich macht, sind zwei Tatsachen. Die erste Tatsache ist sein Preis: es ist das mit großem Abstand teuerste Kunstwerk aller Zeiten. Das Bild wurde im November 2017 vom Auktionshaus Christie’s in London für 450,3 Millionen Dollar verkauft. Das zweitteuerste Bild aller Zeiten, ein abstraktes Gemälde von Willam de Kooning, wurde im Jahre 2015 für etwa 300 Millionen Dollar verkauft. Die Werke Nummer drei bis sieben gingen für über 200 Millionen über den Verkaufstresen, dann folgen 38 Werke über der 100-Millionen-Grenze, viele davon nur knapp darüber. Darunter befinden sich auch etliche Käufe der letzten Jahre. Man sieht, „Salvator Mundi“ ist also tatsächlich ein Ausreißer nach oben.
Und das zweite bemerkenswerte Faktum ist sein Käufer. Und wer ist der Käufer? Ein fanatischer Kunstsammler, ein westliches Museum der ersten Garnitur, oder gar der Vatikan? Man würde nicht darauf kommen, und das macht diesen Handel so interessant: Käufer ist der saudische Kronprinz, Verteidigungsminister und stellvertretende Premierminister Mohammed bin Salman.
Saudi-Arabien beherbergt die heiligsten Stätten des Islam und versteht sich als Hort des Islam. Mit seinen Ölmilliarden betreibt das Land eine ruppige und keinesfalls versteckte Missionierung in Asien, Afrika und Europa. Warum, so fragt sich der unbefangene Beobachter, kauft einer der mächtigsten Männer der Welt, der zufällig Moslem ist und einem islamischen Gottesstaat vorsteht, eines der bedeutendsten Werke des Christentums, das deren Religionsgründer als Erlöser und König der Welt zeigt? Denn es handelt sich zweifellos um ein Bildnis mit eminenter religiöser Bedeutung. Solche Bilder großer Meister wurden und werden in gläubigen Kreisen als unmittelbar heilbringend verehrt, wie es am Beispiel der russischen Ikonen bekannt ist. Daß der Prinz heimlich zum Christentum konvertiert ist, kann man ausschließen.
Legt er also sein Geld ganz profan in Kunst an, in große abendländische Kunst? Es scheint zumindest so. Er hofft also auf Wertsteigerung? Oder ist die Investition eine Absicherung, falls die Dinge in seinem Kulturkreis nicht so verlaufen, wie er es sich vorstellt. Oder hat er andere Gründe?
Was man über den Prinzen mit den Initialen MbS sonst noch hört, die Kriege im Jemen und anderswo, die Geschichte über den zu Tode gekommenen Kashoggi, Stichwort „Mister Bone Saw,“ läßt den Gedanken, der Prinz achte und respektiere einen anderen Kulturkreis und dessen Heroen, reichlich abwegig erscheinen, will man nicht grenzenlos naiv sein.
Will der Kronprinz ein Bildnis mit einer solchen Aura und solcher kulturellen Bedeutung einem ganzen Kulturkreis entziehen? Angeblich befindet sich das Bildnis auf der Jacht des Kronprinzen und wird der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht.
Im Westen scheint der Kauf des Bildes durch den moslemischen Politiker niemand zu stören. Man stelle sich einmal den umgekehrten Fall vor, ein westlicher Staatsmann würde eine bedeutende Reliquie des Islam erwerben und der Verehrung in der Umma entziehen.
Zweifellos ist der Markt für hochpreisige Kunstobjekte eng. Die Finanzkrise von 2008, die Flutungen des Marktes mit frischem Geld durch die Notenbanken, sowie die Nullzinspolitik in allen westlichen Industriestaaten haben auch im Kunstmarkt zu einer Preisexplosion geführt. Vielleicht ist ja der Markt für höchstpreisige Gemälde und Kunstobjekte derart eng, daß Prinz Mohammed zuschlagen mußte, sobald ein solches Objekt auf dem Markt war, ungeachtet dessen, daß er damit ein zentrales Symbol des Christentums gekauft hat.
Noch zum Preis. Entweder es gab Mitbieter, die den Preis in die Höhe getrieben haben, oder der Verkäufer wollte nicht an den Prinzen verkaufen, und hat sich erst bei dieser außergewöhnlichen Summe bereit erklärt, „Salvator mundi“ abzugeben. Es wäre schön, könnte man Details der Verkaufsauktion ermitteln.
Wer kann das Rätsel um das Gemälde und den Kronprinzen auflösen, oder hat eine andere Idee, was den Kronprinzen zum Kauf des Bildes bewogen haben könnte?
